Frühbereich

Aufgaben der Heilpädagogischen Früherziehung im Kontext digitaler Medien

Die Heilpädagogische Früherziehung (HFE) ist in ihrem Alltag mit digitalen Medien in verschiedenster Weise konfrontiert und sie hat einen digitalen Bildungsauftrag inne. Dieser Auftrag wird im folgenden Eintrag vertiefter dargestellt und diskutiert.

Auch die Fachperson der Heilpädagogische Früherziehung (HFE) ist in ihrem Alltag mit digitalen Medien in verschiedenster Weise konfrontiert. Einerseits nutzt sie digitale Medien für administrative Aufgaben, andererseits setzt sie Fördersoftware in der Arbeit mit den Kindern ein. Im Weiteren ist sie Auskunfts- und Fachperson für Erziehungsfragen, welche den Umgang mit digitalen Medien thematisieren. Es lässt sich sagen, dass die Fachperson der HFE in dieser Rolle einen digitalen Bildungsauftrag innehat. Dies bedeutet, dass sie punktuell und entsprechend den Bedürfnissen der Familien und deren Kinder eine Lernumgebung schafft, in welcher die Kinder verschiedene Medienarten kennenlernen und in geschützter Umgebung ausprobieren können (Reichert-Garschhammer & Kieferle, 2021). Dabei geht es um den Erwerb von (basalen) Medienkompetenzen, welche nach Reber und Wildegger Lack (2020) ein kritisches Verständnis und einen kritischen Umgang mit Medien ermöglichen.  

Nach Theunert und Demmler (2007a) bieten professionelle (heil)pädagogische Instanzen und Einrichtungen eine erste Chance zu systematischer Medienerziehung. Systematische Medienerziehung in dem Sinn, dass es möglich ist, sowohl die Eltern wie auch die Kinder in der Nutzung digitaler Medien zu begleiten, problematische Gewohnheiten anzugehen, an sozialen Unausgeglichenheiten zu arbeiten. Sowohl die Eltern wie auch die (heil)pädagogischen Fachkräfte sollen dahingehend ausgebildet und beraten werden, dass sie „Kinder von Anbeginn ihres Lebens in jeweils altersangemessenen Formen [ … ] unterstützen, ein souveränes Leben mit Medien zu führen, die Vielfalt der Medien zu entdecken und die Bandbreite der Möglichkeit selbstbestimmt und zu partizipativen Zwecken in Gebrauch zu nehmen“ (S.144). 

Abb. 1: Aufgaben der HFE im Kontext digitaler Medien

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, entstehen für die HFE vier Aufgabenbereiche, welche im Folgenden vorgestellt werden. 

  1. Verorten der digitalen Medien in einen heilpädagogischen Kontext 

Das Wissen um die kindliche Entwicklung sowohl in kognitiver, sprachlicher, motorischer und sozial-emotionaler Sicht ist eine der Grundkompetenzen der HFE. Das Verstehen, Erleben und Handeln in Bezug auf digitale Medien gilt es in diesem Wissen zu verorten. Dies vor dem Hintergrund, dass die Medienkompetenz im Besonderen auf der Entwicklung von visuellen, kognitiven und motorischen Fähigkeiten beruht (Reber & Wildegger Lack, 2020). Wie nehmen kleine Kinder analoge und digitale Medien wahr? Was für Einflüsse entstehen durch die Mediennutzung? Was ist sinnvoll? Welche kritischen Aspekte beinhaltet die Nutzung von digitalen Medien? Um diese Fragen beantworten zu können, muss die Heilpädagogische Früherzieher*in die Medienwelt der Familien und Kinder kennen. Sie darf sich digitalen Medien nicht verschliessen, jedoch sehr wohl eine kritisch professionelle Haltung einnehmen.  

2. Beurteilen und Bewerten von Medienangeboten 

Die Entwicklung digitaler Medien schreitet schnell voran und mit ihnen auch die Medieninhalte und deren Nutzungsmöglichkeiten. Die Fülle an digitalen Bilderbüchern oder Tablet-Apps ist riesig und nicht einfach zu überblicken. Zudem mehren sich auch die Angebote, welche sich gezielt an einen heilpädagogischen Einsatz im Rahmen der Förderung richten. Es wäre vor diesem Hintergrund vermessen, von der HFE zu erwarten, diesen Überblick garantieren und die Tauglichkeit aller Medienangebote beurteilen zu können. Nach Luder (2003) beinhaltet die Fähigkeit des Bewertens von Medienangeboten, das Wissen um Beurteilungskriterien. Diese Beurteilungskriterien orientieren sich an entwicklungspsychologischen Grundsätzen, an inhaltlichen Aspekten der Medienangebote und an den Vorlieben und Fähigkeiten des Kindes. Hilfestellungen dazu können Fachstellen leisten, welche sich auf den Bereich digitaler Medien, deren Aneignung und Nutzung im frühen Kindesalter, spezialisiert haben.  

3. Auswählen und Einsetzen von Medienangeboten 

Sowohl das Auswählen wie auch die Nutzung digitaler Medien ist eine Aufgabe, mit der sich die HFE konfrontiert sieht. Welches Medienangebot für welches Kind? Welches Medium für welches Kind? Welche Ziele sollen gesetzt werden? Welche Bedürfnisse können verfolgt und realisiert werden? Ausgangspunkt ist dabei die Frage der Bedienung und der Bedienbarkeit des Medienausgabegerätes. Im Weiteren müssen im gezielten Einsatz auch die heilpädagogischen Förderaspekte geklärt werden. Sind die Förderziele mit der Nutzung digitaler Medien erreichbar? Oder geht es um Unterhaltung? Das Auswählen und Einsetzen von Medienangeboten setzt einerseits eine intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten voraus, andererseits jedoch auch mit der Frage, welche Medienerfahrungen für das Kind am bestens geeignet sind. Sticca, Brauchli und Lannen (2020) weisen dabei auf die 3 C’s «Child, Content and Context» (KindInhalt und Kontext) hin. Die individuelle Betrachtung des Kindes steht zu Beginn eines gezielten digitalen Angebots. Alter, die spezifischen Interessen, die Aufmerksamkeitsspanne oder auch die aktuelle Stimmung des Kindes lassen eine Einschätzung zu, ob das Medienangebot passend ist. In Bezug auf den Inhalt gilt es die Frage zu stellen, ob dieser für das Kind relevant und sinnvoll ist, ob das Kind aktiv und altersentsprechend angesprochen wird und ob eine eigenaktive Tätigkeit ermöglicht wird. Im Weiteren muss der Kontext berücksichtigt werden. Zu welchem Zeitpunkt am Tag beschäftigt sich das Kind mit digitalen Medienangeboten? Ist das Kind allein oder wird es begleitet? Gerade die Begleitung eines Erwachsenen während der Medienrezeption unterstützt das Lernen und ermöglicht eine entwicklungsorientierte Auseinandersetzung mit dem Erlebten (Barr, McClure & Parlakian, 2018). 

4. Beraten und Anleiten der Eltern, der Bezugspersonen 

Die Beratung, Begleitung und Anleitung der Eltern und Bezugspersonen in Erziehungsfragen ist eine wichtige Aufgabenstellung der HFE und erhält mit den digitalen Medien einen weiteren Themeninhalt. Neben der Unterstützung der Eltern und Bezugspersonen hinsichtlich einer entwicklungsförderlichen Nutzung digitaler Angebote für das Kind, geht es dabei auch um das Erkennen der Mediengewohnheiten, welche in der Familie gelebt werden. Damit diese Beratung und Begleitung gelingen, ist eine Sensibilität für Medienthemen und -nutzung nötig. Orientierend an den 3 C’s ist es möglich, mit den Eltern und Bezugspersonen die individuelle Mediennutzung zu betrachten und hinsichtlich der Bedürfnisse des Kindes zu reflektieren. Theunert und Demmler (2007b) halten fest: „Von der medienpädagogischen Unterstützung der Eltern [ … ] profitiert die eigentliche Zielgruppe, die Null- bis Sechsjährigen“ (S.107). Sofern die Beratung fundiert und professionell angeboten wird, birgt diese die Chance, dass das Kind in seinem unmittelbaren Umfeld medienkompetent durch die Medienwelt begleitet wird.  

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Literatur:

Barr, R., McClure, E., Parlakian, R. (2018). Screen sense: What the research says about the impact of media on children aged 0 – 3 years old. ZERO TO THREE. https://www.zerotothree.org/resources/2536-screensense-what-the-research-says-about-the-impact-ofmedia-on-children-aged-0-3-years-old 

Luder, R. (2003). Neue Medien im heil- und sonderpädagogischen Unterricht. Ein didaktisches Rahmenkonzept zum Einsatz digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt. 

Lütolf, M. (2013). Neue Medien im Kontext der Heilpädagogischen Früherziehung. Forum BVF, 81, 18-27. 

Reber, K. & Wildegger-Lack, E. (2020). Sprachförderung mit Medien: Von real bis digital. Idstein: Schulz-Kirchner. 

Reichert-Garschhammer, E. & Kieferle, Ch. (2021). Digitale Entfaltung. Die Entwicklungspsychologie der kindlichen Medienkompetenz. Kindergarten heute, 51(4), 29-31. 

Sticca, F., Brauchli, V. & Lannen, P. (2020). Ist es ok, wenn mein Kleinkind YouTube-Videos schaut? Frühförderung interdisziplinär, 39(4), 225-227. 

Theunert, H. & Demmler, K. (2007a). (Interaktive) Medien im Leben Null- bis Sechsjähriger – Realitäten und Handlungsnotwendigkeiten. In B. Herzig & S. Graf (Hrsg.), Digitale Medien in der Schule. Standortbestimmung und Handlungsempfehlungen für die Zukunft (S.137-145)Bonn: Deutsche Telekom. 

Theunert, H. & Demmler, K. (2007b). Medien entdecken und erproben. In H. Theunert (Hrsg.), Medienkinder von Geburt an (S.91-116). München: kopaed.