Medienaneignung im frühen Kindesalter: entwicklungspsychologische Betrachtung

Kinder sind von Geburt an mit der modernen Medienwelt konfrontiert, nehmen diese wahr und beschäftigen sich damit. Doch wie entwickelt sich der Umgang mit digitalen Medien und somit die kindliche Medienkompetenz im frühen Kindesalter? Dieser Beitrag bietet einen entwicklungspsychologischen Blick auf diese Frage.
Im Zuge der stetig fortschreitenden Mediatisierung unserer Gesellschaft wachsen Kinder ab Geburt in die bestehende Medienwelt hinein – eine Welt, welche in den ersten Lebensjahren von der familiären Medienumgebung und Mediennutzung geprägt ist. Selbst wenn das kindliche Aufwachsen von Medien begleitet ist, sind Kinder nicht vom ersten Tag an „digital natives“. Sie kommen nicht mit Medienkompetenz auf die Welt, sondern entwickeln die nötigen Kompetenzen zum Verstehen und aktiven Nutzen im Verlauf ihrer Entwicklung (Eggert & Wagner, 2016). Dabei können drei Stadien unterschieden werden. In einem ersten Stadium registrieren die Kinder Medien zu Beginn als optische oder akustische Einflüsse, ehe sie diese als Gegenstände erkunden. Darauf aufbauend imitieren sie schon bald das Medienverhalten des Umfelds. In einem zweiten Stadium entdecken die Kinder die Medienangebote hinsichtlich Inhalt und Funktion. Das Bilderbuch, Hörmedien, das Fernsehen oder digitale Medienangebote werden als Geschichtenerzähler und Träger alltagsrelevanten Wissens wahrgenommen. Schliesslich werden Medienangebote im dritten Stadium in das eigene Leben integriert. Sie werden zu einem Erfahrungs- und Handlungsraum, welcher eigenständig genutzt werden kann (Theunert, 2013).
Um jedoch analoge und digitale Medieninhalte verarbeiten und aufnehmen und somit auch im Sinne eines Lernens rezipieren und nutzen zu können, müssen verschiedene entwicklungspsychologische Meilensteine erreicht werden. Charlton (2017) betont die zentrale Bedeutsamkeit von Kompetenzen im Bereich der kommunikativen, der kognitiven und der sozial-emotionalen Entwicklung.
Kommunikative Kompetenzen
Erst wenn Kinder verstehen, dass Symbole repräsentativen Charakter haben oder auf etwas verweisen, ist es ihnen möglich, mit Hilfe von Gesten, Bildern oder Sprache zu kommunizieren. Diese Grundfertigkeit zur symbolischen Kommunikation und Interaktion ermöglich die Rezeption von Medienangeboten. Eine Förderung des Symbolverständnis kann in kleinem Kindesalter beispielsweise durch das gemeinsame und aktive Anschauen von Bilderbüchern gefördert werden. In der Bilderbuchbetrachtung kann die erzählende Person ihr Tempo und den Inhalt auf die Entwicklung des Kindes abstimmen und das «stehende» Bild nutzen, um eine aktive Auseinandersetzung zu gewährleisten. Dies ist ein Vorteil gegenüber dem bewegten Bild, welches flüchtig ist.
Kognitive Kompetenzen
Die Entwicklung kognitiver Kompetenzen ist Voraussetzung dafür, dass Kinder den Sinn von Medieninhalten erfassen und gezielt nutzen können. Im Zentrum der kognitiven Kompetenzen steht die Fähigkeit, sich in andere Menschen (oder Medienfiguren) einfühlen und deren innere Situation und Erleben nachvollziehen zu können. Frühe Formen der Empathiefähigkeit sind bereits in den ersten zwei Lebensjahren beobachtbar. Im 3. und 4. entwickelt und festigt sich die Empathiefähigkeit durch soziale Interaktionen, in welchen sie immer besser in der Lage sind, sich in die Perspektive von anderen hineinversetzen zu können. Im Weiteren müssen kognitive Kompetenzen erlangt werden, Geschichten und Erzählstränge folgen und rekonstruieren zu können.
Sozial-emotionale Kompetenzen
Sie ermöglichen es dem Kind, sich selbständig für Inhalte, die von Interesse sind, zu entscheiden und Themen, die ihnen eher Angst machen oder bedrohlich sind, zu erkennen und abzuwehren. Von besonderem Interesse sind Medienthemen, welche einen Bezug zur Lebenswelt des Kindes haben und eigene Erfahrungen betreffen. Kinder zwischen zwei und sechs Jahren interessieren sich für Geschichten aus dem Bereich der Selbständigkeit, des Gernhabens, des Umsorgens und auch Themen wie Eifersucht und Wut sind von Interesse.
Diese Erkenntnisse werden folgend zusammengeführt und in Alterskategorien verortet (Eggert & Wagner, 2016; Lütolf, 2013).
Kinder im Alter von 0 – 2 Jahre
Säuglinge und Kleinkinder erleben Medien zu Beginn als Reizquelle, welche insbesondere Sehen und Hören ansprechen. Sie nehmen wahr, dass die verschiedenen Medienangebote für die Erwachsenen von grosser Bedeutung sind und Aufmerksamkeit erhalten. Im Verlauf des zweiten Lebensjahres, einhergehend mit der Entwicklung der Sprache, interessieren sich Kleinkinder vermehrt für Bilderbücher, Hörmedien oder auch Figuren, welche sie im Fernseher wiedererkennen. Mit den Fortschritten im Bereich der kommunikativen Kompetenzen, tritt das Kind in einen nonverbalen wie auch sprachlichen Austausch mit seiner Umwelt. Dabei ist die Kommunikation stark von einem realen, aktiven Interaktionspartner abhängig. Auf die kommunikativen Reize digitaler Medien können Kinder in diesem Alter noch nicht reagieren, da diese sich nicht an ein kleinkindliches Gegenüber wenden. Ebenso wenig ist es ihnen möglich, längere Ereignisfolgen oder Erzählstränge zu verfolgen und nachzuvollziehen. In Bezug auf die Handhabung digitaler Medien wird beobachtet, dass Kinder im ersten Lebensjahr kein Tablet oder andere Touchscreens zielgerichtet nutzen können, auch wenn sie bereits Bewegungsabläufe wie horizontales und vertikales Wischen erlernen. Ein Verstehen im Sinne des Wirkungszusammenhangs zwischen dem Wischen und der daraus entstehenden Veränderung auf einem Screen kann erst später erfasst werden.
Kinder im Alter von 3 – 5 Jahre
Das Interesse an Medien nimmt in diesem Alter stetig zu. Die verschiedenen Medieninhalte werden zugänglicher und verständlicher. Mit dem Interesse an der Teilhabe an der Erwachsenenwelt steigt auch die Neugier gegenüber Medienangeboten, welche den Kleinkindern bisher vorenthalten blieben. Gleichzeitig lernen sie immer mehr Medieninhalte kennen, welche ihrem Alter angepasst sind. In kommunikativer Hinsicht zeigen sich Fortschritte im Sinne einer zunehmenden Empathiefähigkeit und der Entwicklung der Theory of Mind. In Abgrenzung ist Empathie eher das Mitfühlen, während die Theory of Mind das kognitive Verstehen ist, was jemand denkt und fühlt. Diese Kompetenzen sind Voraussetzungen, um Handlungen von Medienfiguren verstehen und die erzählten Geschichten in ihrer Ganzheit nachvollziehen zu können. Kinder im Alter von 3-5 Jahren sind bereits fähig, aus Medienangeboten nach ihren Vorlieben und Interessen selbst auszuwählen. Sie sind emotional dazu in der Lage, interessante, den eigenen Erfahrungen entsprechende Medienangebote von angstmachenden oder belastenden Themen zu unterscheiden. Welche Inhalte jedoch positiv oder negativ bewertet werden, ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Daher ist eine gemeinsame Mediennutzung mit einer erwachsenen Person wichtig. Neben der rezeptiven Mediennutzung wie zum Beispiel Fernsehen, interessieren sich die Kinder auch für eine kreative und spielerische Nutzung von Medien. Sie nehmen Bilder auf oder machen Filme, was deutliche Zeichen dafür sind, dass sie sich den Medien aktiver zuwenden und eigenständiger nutzen wollen. Die Kinder machen in diesem Alter auch erste Medienerfahrungen ausserhalb des familiären Umfelds – in der Kita oder im Kindergarten.
Kinder im Alter von 6 -7 Jahre
Die Zugangsmöglichkeiten von Medien und Medieninhalten nehmen in diesem Alter stetig zu und erweitern sich entsprechend der zunehmenden Selbständigkeit (Kindergarten, Schule, Besuch bei Freunden) des Kindes. Das Verstehen von Erzählinhalten und die Fähigkeit, auch längere Geschichten umfänglich nachvollziehen zu können, entwickeln sich in diesem Alter weiter. Die Kinder können die Charaktereigenschaften der Medienfiguren unterscheiden. Dabei entstehen Verbindungen zur persönlichen realen Welt. Im Weiteren rückt auch das Internet stärker ins Blickfeld der Kinder. Sie lernen das Internet als Speicher einer Vielfalt an Filmen und Spielen kennen. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass sie die Struktur des Internets nicht verstehen und auf eine Begleitung einer erwachsenen Person angewiesen sind.
Literatur
- Charlton, M. (2007). Das Kind und sein Startkapital – Medienhandeln aus der Perspektive der Entwicklungspsychologie. In H. Theunert (Hrsg.), Medienkinder von Geburt an (S.25-50). München: kopaed.
- Eggert, S. & Wagner, U. (2016). Grundlagen zur Medienerziehung in der Familie. Studie. Expertise. Verfügbar unter https://doi.org/10.25656/01:16560
- Lütolf, M. (2013). Neue Medien im Kontext der Heilpädagogischen Früherziehung. Forum BVF, 81, 18-27.
- Theunert, H. (2013). Medienaneignung in frühen Stadien der Kindheit. Theorie und Praxis der Sozialpädagogik, 3, 16-21.