«Mediennutzung von Kindern im Vorschulalter: was wissen wir»? Linktipps zu aktueller Forschung

Fragen rund um die Mediennutzung von Kindern im Vorschulalter stellen sich im heilpädagogischen Alltag immer wieder. Zur Beantwortung dieser Fragen spielen oftmals subjektive Einschätzungen und Erfahrungen eine wichtige Rolle. Dieser Beitrag verweist auf aktuelle Forschungsprojekte, welche die Mediennutzung und deren Entwicklung in verschiedenen Kontexten untersuchen und einen objektiven Blick auf Medienthemen ermöglichen.

In der täglichen Arbeit der Heilpädagogischen Früherziehung ist die Thematik der Nutzung digitaler Medien immer präsenter. Dies zeigt sich nicht nur in Bezug auf berufsspezifische administrative Arbeiten, sondern auch in der heilpädagogischen Förderung und im Besonderen in der Beratung und Begleitung der Eltern und Bezugspersonen. Auch bei der förderdiagnostischen Betrachtung der Lebenswelt eines Kindes und dessen Familie wird dem Umgang mit digitalen Medien ein verstärktes Augenmerk geschenkt. Dabei ist der professionelle Blick jedoch nicht davor gefeit, dass subjektive Erfahrungen und Ansichten die Beurteilung einer Situation mitprägen.

Darum ist es lohnenswert, immer wieder einen Blick in aktuelle Forschungserkenntnisse zu werfen. «Ist es normal, dass ein dreijähriges Kind selbständig Spiele auf dem Tablet spielt»? kann eine Frage sein, welche unter Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklung beantwortet werden kann. «Kleine Kinder sitzen heutzutage mehrheitlich an digitalen Geräten»! kann eine Aussage sein, welche sich im Licht von Untersuchungsergebnissen möglicherweise relativiert. Folgend sollen vier Forschungsprojekte kurz vorgestellt und zentrale Erkenntnisse festgehalten werden.

Studie miniKIM aus Deutschland

Die Studie miniKIM wurde vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs) in Kooperation mit dem Südwestrundfunk (SWR) nach 2012, 2014 und 2020 im Jahr 2023 zum vierten Mal durchgeführt. Es wurden Basisdaten zur Mediennutzung von Kindern im Alter zwischen zwei und fünf Jahren erhoben. Die Befragung zum Medienverhalten der Kinder wurde mit insgesamt 600 Haupterzieher*innen durchgeführt. Die Untersuchung ist repräsentativ für deutschsprechende haupterziehende Eltern von Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren in Online-Haushalten in Deutschland. Es konnte gezeigt werden, dass das beliebtestes Medium bei den Vorschulkindern nach wie vor das (Bilder-)Buch bleibt: 27 Prozent der Kinder möchten nach Angaben der befragten Eltern nicht auf dieses Medium verzichten. Wenn Kinder selbstständig ein Medium zur Beschäftigung auswählen dürfen, entscheiden sich ebenfalls 27 Prozent für das (Bilder-)Buch. Auf Platz zwei und drei landen Sendungen oder Videos. Die Beschäftigung mit (Bilder-)büchern ist im Weiteren die drittliebste Tätigkeit nach dem Spiel drinnen und draussen. Gerade bei sehr kleinen Kindern (2-3 jährig) ist die Nutzung digitaler Spiele (z.B. am Tablet) noch gering. Diese nimmt jedoch mit dem Alter kontinuierlich zu.

Studie ADELE+ aus der Schweiz

Im Rahmen der Studie ADELE+ der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (zhaw) wurde im Jahr 2020 untersucht, wie häufig und in welcher Form vier- bis sechsjährige Vorschulkinder in der Schweiz digitale Medien nutzen. Dazu befragten die Forschenden schweizweit fast 900 Eltern mittels online Fragebogen zur Freizeitgestaltung und zum Medienumgang ihrer vier- bis sechsjährigen Kinder. Diese Befundaufnahme wurde mit gesundheitsrelevanten Aspekten korreliert. Die Ergebnisse zeigen, dass der Alltag von Vorschulkindern viel stärker durch nicht-mediale als durch mediale Aktivitäten geprägt ist. Auch in dieser Untersuchung konnte festgehalten werden, dass Bücher für Kinder im Vorschulalter die grösste Bedeutung haben. Hingegen spielt die Nutzung eines Tablets eine geringere Rolle. Im Weiteren lässt sich sagen, dass die Intensität der digitalen Mediennutzung nicht mit dem psychischen oder körperlichen Wohlbefinden zusammenhängt. Es wurde jedoch ein schwacher Zusammenhang zwischen der Bildschirmzeit und der Schlafqualität der Kinder festgestellt.

Studie Kleinkinder und digitale Medien aus Österreich

Die Studie Kleinkinder und digitale Medien wurde vom Institut für empirische Sozialforschung (IFES) im Auftrag des Österreichischen Instituts für angewandte Telekommunikation (ÖIAT) und der ISPA – Internet Service Providers Austria durchgeführt. 400 Eltern von Kindern zwischen 0 und 6 Jahren wurden befragt. Der Vergleich mit Daten, welche im Jahr 2013 erhoben wurden, zeigt sowohl eine höhere Präsenz digitaler Medien im Alltag von Familien mit kleinen Kindern, wie auch eine deutliche Steigerung der Nutzung dieser Angebote bereits im frühen Kindesalter. Im Weiteren wird sichtbar, dass der Erstkontakt mit digitalen Medien sehr früh geschieht. Aus den Rückmeldungen der Befragten lässt sich zeigen, dass die Kinder im Durchschnitt im Alter von einem Jahr erstmals mit digitalen Medien in Kontakt kommen. Dabei nutzen 81 Prozent der 3- bis 6- Jährigen internetfähige Geräte und somit digitale Medien gelegentlich bereits selbst. Im Vergleich zu 2013 (41 %) ist in der Altersgruppe der 3- bis 6-Jährigen eine Verdoppelung festzustellen.

Studie SWIPE aus der Schweiz

Eine sehr aktuelle Studie aus der Schweiz ist der Frage nachgegangen, Wie Kinder im Alter bis 5 Jahre digitale Medien in der Schweiz nutzen. Die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der nationalen Studie SWIPE (Swiss Study on Preschool Screen Exposure) geben darüber einen umfassenden Einblick. Befragt wurden über 4’000 Eltern in der Schweiz. Folgend  einige wichtige Ergebnisse kurz vorgestellt:

  • 50% der Zweijährigen haben noch nie ein digitales Gerät benutzt.
  • Die durchschnittliche Nutzung digitaler Medien beträgt 1h22min/Tag, wobei die Hälfte der Zeit dem Hören gewidmet ist (ohne auf den Bildschirm zu schauen)
  • Bildschirmzeit nach Alter: 0-1 Jahr: 22 min, 1-2 Jahre: 19 min, 2-3 Jahre: 37 min, 3-4 Jahre: 39 min, 4-5 Jahre: 42 min, 5-6 Jahre: 47 min.
  • Kinder werden bei der Bildschirmnutzung oft begleitet.

In der Gesamtbetrachtung der Ergebnisse wird auch deutlich, dass die Eltern versuchen, einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien zu finden und digitale Medien häufig gemeinsam und in einem entwicklungsfördernden Kontext genutzt werden. Im Weiteren wird aus der Studie auch sichtbar, wie wichtig das bewusste Gestalten von Inhalten, Dauer und Zeitpunkt der Mediennutzung sei.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse wir deutlich, wie wichtig die Beratung und Begleitung der Eltern in der Medienerziehung wurde und zukünftig weiterhin bleibt. Der Beitrag auf dieser Homepage: «Mediennutzung: ab wann ist viel, viel»? bietet dazu einen Überblick über unterstützende Elternratgeber.

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